Die politische Bedeutung des 20. Jahrhunderts
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Die Vierte Politische Theorie ist eine begriffliche Matrix, die die Möglichkeit einer Alternative zu jener politischen Entwicklung beschreibt, die in der Moderne zur vorherrschenden geworden ist. Sie tritt in Erscheinung, sobald sich die Postmoderne auf dem Gebiet der politischen Philosophie vollständig etabliert hat. Erst danach wird die Wahrheit der Moderne offenbar – das heißt das Wesen der Dunklen Aufklärung, mit der sich die Vierte Politische Theorie unmittelbar befasst. Solange das Wesen der Moderne verborgen blieb und ihre grundlegende ontologische und anthropologische Strategie auf drei Zweige verteilt war, konnte es keine Vierte Politische Theorie geben, denn der Ausgang des Kampfes zwischen den drei politischen Theorien der Moderne hing davon ab, dass ihr tiefstes Wesen geklärt wurde. Und die Vierte Politische Theorie entspricht genau diesem Wesen – jener Wahrheit im Abgrund, in der Materie, von der Demokrit sprach. Um die Vierte Politische Theorie eingehend zu beschreiben, ist es daher notwendig, die Moderne und die Dialektik des Zusammenstoßes der drei ihr innewohnenden politischen Haupttheorien erneut zu betrachten.
Um es noch einmal zu sagen: Die drei wichtigsten politischen Ideologien der Moderne – der Liberalismus als Erste Politische Theorie, der Kommunismus als Zweite Politische Theorie und der Nationalismus als Dritte Politische Theorie – erfassen und verkörpern im Wesentlichen sämtliche Aspekte des eigentlichen Paradigmas der modernen politischen Philosophie. Wie bereits erwähnt, wird das philosophische Subjekt der Moderne in jeder der drei politischen Theorien unterschiedlich aufgefasst: im Liberalismus als Individuum, im Kommunismus als Klasse und im Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus als Staat beziehungsweise Rasse.
Diese politischen Konzepte stießen im 20. Jahrhundert aufeinander und bestimmten die Struktur der Weltkriege, des Kalten Krieges sowie der Bündnisse, Unionen und Blöcke im Voraus. Während der Erste Weltkrieg eine Auseinandersetzung zwischen mehreren großen europäischen Nationalmächten war, stellte der Zweite Weltkrieg bereits einen Zusammenstoß aller drei ideologischen Kräfte dar: der Liberalen, vertreten durch den Westen – die USA und England –, der Kommunisten, vertreten durch die UdSSR, und der Nationalsozialisten beziehungsweise Faschisten, vertreten durch Mussolinis Italien und Hitlers Deutschland sowie durch andere ihnen nahestehende Bewegungen.
Nach der Niederlage der Dritten Politischen Theorie – des Faschismus und des Nationalsozialismus – blieben dementsprechend zwei politische Theorien übrig: die Erste und die Zweite. Zwischen ihnen entwickelte sich der Kalte Krieg, bis die Erste Politische Theorie – der Liberalismus – 1989 und endgültig 1991 die Zweite – den Kommunismus – besiegte.
Die gesamte Geschichte der Moderne war von diesen drei politischen Theorien geprägt, welche die eigentliche Matrix der politischen Philosophie der Neuzeit verkörperten. Sie alle folgten der Logik der politischen Philosophie der Mutter: Sie waren allesamt materialistisch, evolutionistisch und fortschrittsorientiert; sie betrachteten die Struktur der Welt von unten nach oben und nicht von oben nach unten. Mit anderen Worten: Sie wurden auf der Grundlage einer immanent-materialistischen Lehre geschaffen.
Dementsprechend spiegelten sowohl die Reihenfolge ihres Entstehens als auch die Reihenfolge ihres Verschwindens oder ihrer Marginalisierung eine bestimmte Logik wider, denn im Kampf der drei politischen Ideologien ging es darum, welche von ihnen dem Paradigma der Moderne und dessen Wahrheit am ehesten entsprach. Der Kommunismus beanspruchte, diese Wahrheit in sich zu tragen, indem er sich als eine sozialistische und kommunistische Gesellschaft verstand, die nach dem Ende des historischen Zyklus des Kapitalismus errichtet werden sollte. Auch der Liberalismus betrachtete sich als Ausdruck der Moderne als solcher. Doch – und dies ist weniger offensichtlich – auch der Faschismus verstand sich als eine revolutionäre Lehre, die den Geist der Moderne widerspiegelte, allerdings in einem anderen Kontext, in anderen Proportionen und mit anderen Werten als Liberalismus und Kommunismus.
Jedenfalls kämpften alle drei Ideologien darum, diejenige zu sein, die den Geist der Moderne verkörperte. Jede hielt sich selbst für die Moderne. Nach der Niederlage des Nationalsozialismus stritten nur noch zwei Ideologien – Liberalismus und Kommunismus – um dieses Recht, und nach 1989–1991 stellte sich heraus, dass der Liberalismus diesen langen Kampf gewonnen hatte.
Das heißt: Von den drei politischen Theorien des modernen Paradigmas hat sich nur eine als wahrhaft paradigmatisch erwiesen. Damit stehen der Prozess der Globalisierung und die Universalisierung der liberalen Ideologie in Verbindung. Diese ist inzwischen zur globalen Ideologie und zur einzigen Ideologie geworden, die sich im Verlauf der politischen Geschichte durchgesetzt hat. Sie siegte im Westen und hat sich aufgrund des grundlegenden Einflusses des Westens weitgehend über die ganze Welt verbreitet.
Hier besteht ein unmittelbarer Zusammenhang mit Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“. Das „Ende der Geschichte“ bedeutet den endgültigen und unumkehrbaren Sieg des Liberalismus über seine Rivalen. Nach 1991 war der Liberalismus nicht länger eine von drei Ideologien, sondern die Ideologie der Moderne selbst.
Der Kapitalismus – der Liberalismus – verstand sich ursprünglich als Verkörperung des Geistes der Moderne, doch war dies nicht unbedingt für irgendjemanden außer den Vertretern des Liberalismus selbst offensichtlich. Dieser Anspruch wurde von Kommunisten und Faschisten bestritten, und grundsätzlich war der Streit zwischen den drei politischen Theorien erst mehrere Jahrhunderte später entschieden. In allen Phasen blieb die Möglichkeit einer anderen Wendung der politischen Ereignisse bestehen – und der Kommunismus erhob ernsthaften Anspruch darauf, die Moderne und die ideologische Formel für das „Ende der Geschichte“ zu verkörpern. Zu einem bestimmten Zeitpunkt waren die Erfolge von Hitlers Deutschland so beeindruckend, dass durchaus der Eindruck entstehen konnte, der Nationalsozialismus werde die ideologische Grundlage der Zukunft bestimmen.
Erst am Ende des 20. Jahrhunderts verwirklichte sich die unbedingte Matrix der politischen Weltgeschichte, indem sich der Geist der Moderne in Gestalt des Liberalismus durchsetzte. Der Liberalismus verteidigte sein Recht, nicht nur eine Ideologie, sondern die Ideologie mit großem „I“ zu sein. Damit wurde die Erste Politische Theorie der Moderne zugleich zu ihrer letzten und endgültigen Theorie. Aus dem Sieg des Liberalismus ging die politische Philosophie der Postmoderne hervor. Dementsprechend ermöglichte uns der Triumph des Individuums als Atom den Übergang zur subatomaren Ebene.
Damit stand der Sieger im Wettstreit zwischen den drei ideologischen Varianten der Moderne fest. Und nahezu im selben Zeitraum begann der Liberalismus, nachdem er zur dominierenden und alleinstehenden Ideologie geworden war, rasch sein totalitäres Wesen zu offenbaren. Unterdessen setzte der Paradigmenwechsel zur Postmoderne mit stetiger Beschleunigung ein. Deren philosophische Voraussetzungen waren bereits einige Jahrzehnte zuvor entwickelt worden, doch erst in den 1990er-Jahren begann sie, im Bereich der Politik eine praktische Dimension anzunehmen. Gleichzeitig entstand eine Welle der Geschlechter- und Umweltpolitik, die den Aufstieg des „Dunklen Liberalismus“ ankündigte.
Die im Liberalismus siegreiche Moderne ging in einem neuen – postliberalen – Stadium in die Postmoderne über. Dies war jedoch nur möglich, weil sämtliche Formen kollektiver Identität – das Paradigma der Tradition – sowie die alternativen künstlichen Bestimmungen des politischen Subjekts der Zweiten Politischen Theorie – die Klasse – und der Dritten Politischen Theorie – Staat und Rasse – abgeschafft worden waren.
Das Individuum wird von den Liberalen als die jüngste Ausprägung des authentischsten menschlichen Atoms und folglich als philosophische Grundlage und politisches Subjekt bekräftigt. Erst nach dem Sieg dieser Ideologie und dem Triumph des menschlichen Individuums – wie er in der Ideologie der Zivilgesellschaft, der Ideologie der Menschenrechte, der Ideologie der Globalisierung und des liberal-kapitalistischen Weltmarktes zum Ausdruck kommt, also im Übergang von der globalen Politik zur globalen Wirtschaft unter Abschaffung der Geschichte, wie Fukuyama schrieb – öffnete sich die Tür zur Postmoderne wirklich. Es waren die Liberalen, die sie öffneten. Daher gebührt innerhalb des Paradigmas der „Dunklen Aufklärung“ dem „Dunklen Liberalismus“ der doktrinäre und erkenntnistheoretische Vorrang.
Nachdem das Atom als grundlegendes Moment des Seins bestätigt worden war, richtete sich jede weitere Bewegung auf die subatomare Ebene. Damit ist die Phänomenologie der politischen Postphilosophie¹ beziehungsweise die politische Philosophie der Postmoderne verbunden.
Ohne den Sieg des Liberalismus wäre somit der Sieg der Postmoderne nicht möglich gewesen. Genauer gesagt hätte die Postmoderne theoretisch auch anders ausfallen können – mit größerer Wahrscheinlichkeit kommunistisch und mit geringerer Wahrscheinlichkeit faschistisch. Das Ergebnis des 20. Jahrhunderts im Bereich der Ideologie ist jedoch eindeutig: Die politische Postmoderne beruht auf der absoluten Vorherrschaft der liberalen Ideologie, der Ersten Politischen Theorie, welche die Zweite und die Dritte vollständig besiegt hat.
Dies ist in groben Zügen der Kontext, in dem die globale Gesellschaft aufgebaut wird. Die globale Gesellschaft ist noch keine Wirklichkeit, sondern ein Projekt. Dennoch existiert sie als „Konzept“ und entspricht einem ähnlichen Konzept – dem „globalen Westen“. Wenn wir vom „Westen“ sprechen, meinen wir nicht nur den geografischen Westen, sondern beispielsweise auch Japan und sogar die chinesische Pazifikküste, wo westliche Modelle in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft vorherrschen. Ebenso meinen wir einige Länder in der Pazifikregion, die dem westlichen Entwicklungsweg folgen – Singapur, Taiwan usw. Der „Westen“ ist zugleich global und ideologisch. Gewiss ist der Westen noch nicht vollständig in Fleisch und Blut aller Gesellschaften, Völker und Zivilisationen eingedrungen. Dennoch schreitet diese Durchdringung durch Märkte, Technologie, Kultur, Information, Wirtschaft, Politik usw. mit voller Kraft voran. Der Westen ist nicht nur eine Ansammlung europäischer und nordamerikanischer Mächte und Gesellschaften. Er ist der Prozess der Globalisierung und „Postmodernisierung“ selbst sowie die schrittweise Ausbreitung der Codes – und, um den Begriff von Deleuze und Guattari zu verwenden, der Stratifikationen – der euroamerikanischen beziehungsweise euroatlantischen Kultur über den gesamten Planeten. Nach dem entscheidenden Sieg des Liberalismus im Kalten Krieg ist die ganze Welt in gewisser Hinsicht zum „Westen“ geworden, das heißt zu einem Raum einer solchen Territorialisierung und Deterritorialisierung, die genau dem liberalen Code des „Gefüges“ entspricht.
Dementsprechend besteht die Agenda der globalen Prozesse in der heutigen Weltpolitik in der Vorherrschaft des Liberalismus und der Durchsetzung seines Sieges im globalen Maßstab, in der Beseitigung der Nationalstaaten – wie wir es in Europa beobachten – sowie in der Zerstörung sämtlicher Formen kollektiver Identität – Nation, Religion, Geschlecht usw.
In dieser Phase vollendet die Moderne jene Zerstörung vertikaler Symmetrien und organischer kollektiver Identitäten, die sie begonnen hatte, als sich der Übergang von der traditionellen Gesellschaft – Platonismus, Aristotelismus und Religion – zur modernen Gesellschaft – Materialismus, Demokratie und Säkularismus – abzeichnete.
